Paul-Klee-Gymnasium Overath

Das PKG und die Corona-Pandemie

Ende oder Neuanfang? - das Paul-Klee-Gymnasium während der Corona-Pandemie

Wie schreibt man einen Bericht über die Ereignisse der letzten Monate. Was kann man erzählen über die Abläufe an einer Schule, die vom totalen Lockdown über Notbetreuung bis zum rollierenden System und den Abiturklausuren alles in einem atemberaubenden Tempo mitgemacht hat?

 

 

„Es fühlt sich an wie das Ende.“ sagt Klara. Ich sitze zusammen mit meinem Geschichts-LK auf den Bänken vor der Schule – mit Masken und zwei Meter Abstand. Die Schulschließung besteht seit ca. zwei Wochen, die Osterferien stehen vor der Tür.

 

Wie muss es sich anfühlen, kurz vor dem Abitur in der Corona-Krise zu stecken. Noch wenige Wochen zuvor hatten wir eine Exkursion ins Haus der Geschichte nach Bonn gemacht. Die Deutsche Geschichte von 1945 bis heute, anhand vieler Überreste und originaler Dokumente – immer wieder eine beeindruckende Wanderung durch die letzten Jahrzehnte. Und alles abiturrelevant. Danach redeten wir bei einer Pommes über die Zukunftspläne nach dem Abitur. „Für ein Jahr „work and travel“ nach Neuseeland“ war Klaras Plan. „Erstmal Arbeiten, ein bisschen Geld verdienen vor dem Studium“ sagte Henk.

Während die Abiturienten noch im Unklaren gehalten werden, ob sie überhaupt Prüfungen schreiben müssen, bevor sie die Schule verlassen, wissen wir Lehrerinnen und Lehrer nicht einmal, wie es überhaupt weitergehen soll. Keiner von uns kann sich vorstellen, den halben Tag zusammen mit fast 30 Schülerinnen und Schülern in einem Raum zu verbringen, während ein tödlicher Virus über die Welt hinwegfegt.

 

In dem Zustand, in dem die Schulen vor der Corona-Pandemie waren, gab es bereits viel Luft nach oben, was allgemeine Hygienestandards betraf.

 

Pausen mit über 1000 Schülerinnen und Schülern, die sich nach anstrengendem Unterricht austoben wollen, Sportunterricht, praktische Versuche in den Naturwissenschaften, das Singen im Musikunterricht. Wie soll das gehen, wie soll man wieder anfangen?

 

Ich selber habe zwei Kinder im „Homeschooling“, meine Frau sitzt an einem improvisierten Schreibtisch zu Hause, da sie nicht in ihr Büro darf. Ich weiß sehr genau, was Eltern in den Anfangswochen des Distanzlernens leisten mussten. Dazu kommen die Sorgen um die eigenen Eltern und Verwandten und auch die Gedanken über die eigene Gesundheit.

 

Während die Wissenschaftler und Politiker nach Antworten und Lösungen suchen, läuft das Schuljahr weiter - wie ein außer Kontrolle geratener Roboter, schnurgerade Richtung Schuljahresende. Aber irgendwer organisiert den Not-Betrieb – es werden Besprechungen durchgeführt, Entscheidungen vom Ministerium diskutiert und umgesetzt, Schilder aufgehängt, Stühle und Tische gerückt.

 

„Sie können sich gar nicht vorstellen, was hier in der Schule an manchen Tagen los war“ sagt Herr David Hubert zu mir, als ich vor ein paar Tagen mit ihm eine Besprechung habe. „Da haben Sie vollkommen recht“ antworte ich. „Ich habe tatsächlich keine Ahnung, was in der Schule los war.“ Ich durfte wochenlang die Schule nicht betreten, Nachrichten über Email betrafen im Wesentlichen die neuesten Vorgaben des Ministeriums oder deren konkrete Umsetzung am Paul-Klee-Gymnasium. Aber wie die Menschen, die in dieser Zeit im Schulgebäude waren, gearbeitet haben, bleibt mir ein Rätsel.

 

In einer Zeit, in der das persönliche Gespräch nicht möglich ist und in der sich Menschen nicht in Räumen versammeln können, gibt es keine kurzen „Flurgespräche“, keine schnellen Dienstbesprechungen und auch keine diskussionsfreudigen Lehrerkonferenzen. Alles, was uns Lehrerinnen und Lehrern, den Meistern der Kommunikation, noch bleibt, sind Emails, Messenger-Dienste oder Telefonate. Seit den Osterferien ist das Videokonferenz-Tool dazugekommen. Dennoch, manche Informationen fließen nur schleppend, die Kommunikation bleibt viel zu oft unpersönlich, ungewohnt und schwierig.

 

Natürlich wurden die zahlreichen Prozesse anders gesteuert als in normalen Zeiten. Für einzelne Entscheidungen konnte nicht kurzfristig eine Lehrerkonferenz einberufen werden, die dann nach einer Abwägung der Möglichkeiten ein mehrheitliches Votum ausspricht und dann verbindlich in geheimer Wahl Beschlüsse fasst, die dann möglicherweise schon einen Tag später überarbeitet werden müssen, weil neue Vorgaben vom Ministerium vorliegen.

 

Natürlich sind die Kolleginnen und Kollegen in Funktionsstellen jetzt in einer besonderen Verantwortung. Diejenigen, in deren Verantwortung die Organisation der Unterstufe, der Mittelstufe sowie der Oberstufe liegt. Und natürlich auch die Schulleiter als Hauptkoordinatoren des Ganzen. Wenn es die Zeit und die Bedingungen zulassen, binden diese Kolleginnen und Kollegen vielleicht weitere Kollegen ein und bilden Teams. Zudem muss seit der erneuten Öffnung der Schule ein kaum zu bewältigendes organisatorisches Monstrum namens „rollierendes System“ gebändigt werden. Die Vertretungsplan-Verantwortlichen und die Stundenplan-Verantwortlichen biegen und knoten das System zusammen, damit es in den Kurven nicht auseinanderfällt. Eine Mammut-Aufgabe!

 

Zumindest jetzt, wo die meisten Kollegen zwei bis dreimal die Woche in der Schule sind, besteht wieder die Möglichkeit, Fragen und Probleme im persönlichen Gespräch zu klären. Solche Fragen oder Sorgen per Email zu stellen, das kann ich mir nicht vorstellen. Wir alle waren in den letzten Wochen dahingehend sehr belastet.

 

Ich bekomme im Laufe des Tages schon 20 bis 30 Emails. Von Eltern, Kollegen, Schülern. Seit wir Microsoft Teams benutzen, bekomme ich manchmal auch einen Videoanruf von einem Schüler. „Müssen wir die Aufgabe bis morgen fertig haben?“ „Ja, aber wenn du die Aufgabe jetzt noch nicht angefangen hast, ist es eh schon zu spät – ich muss jetzt auflegen, ich koche gerade das Abendessen“.

 

In die Schule zu gehen, ist inzwischen schon fast wieder Routine. Maske auf, aus dem Auto steigen, ins Schulgebäude, nach den neusten Plan-Änderungen schauen, die erste Schülergruppe von ihrem Wartebereich auf dem Schulhof abholen, in den zugeordneten Raum gehen.

Und dann fängt die schöne Seite des Lehrerlebens an. Denn Seit den Osterferien findet wieder Präsenzunterricht statt. Zwar kann von Alltag kaum die Rede sein kann: Die EF und die Q1 sind fast jeden Tag in der Schule, mit großen Pausen zwischen den Unterrichtsblöcken, doch die Schülerinnen und Schüler der Sek I werden nur wenige Tage bis zu Sommerferien in der Schule sein. Dennoch ist es ein Stück mehr Alltag als vorher. Der Unterricht in den Kleingruppen ist für uns Lehrerinnen und Lehrer gewöhnungsbedürftig. Zwei bis dreimal hintereinander dasselbe zu unterrichten, weil die Lerngruppen geteilt sind und dadurch „Unterrichtsballungen“ zu haben, ist nach der langen Phase des Distanzlernens ein seltsames Gefühl - hintereinander sechs Unterrichtsstunden am Stück, während ich an anderen Tagen die Schule gar nicht betrete und meinen Unterricht digital über den Rechner gestalte.

 

 

 

Dennoch bleibt bei der Entwicklung der letzten Monate das positive Gefühl: endlich wieder Unterricht – mit echten Menschen! Nicht mit Computerbildschirmen und Schülerinnen und Schülern, die ihre Kamera ausschalten, damit sie nicht von Mitschülern gefilmt werden. Nicht mit Fotos von handgeschriebenen Aufgaben, die man korrigieren, aber nicht bewerten darf. Nicht mit Rückenschmerzen am Schreibtisch, weil man den gesamten Vormittag Emails gelesen, geschrieben, weitergeleitet hat, Videokonferenzen geführt hat und Unterlagen vor- und nachbereitet hat, ohne sich mehr als 10 Meter durch den Raum zu bewegen.

 

Wir Lehrerinnen und Lehrer sind Läufer – Treppe hoch, Treppe runter, ins Lehrerzimmer, zum Kopierraum, auf den Schulhof zur Aufsicht.

 

Endlich wieder Unterricht mit echten Menschen! In der Schule! Und dann auch noch mit kleinen Lerngruppen. Vor mir sitzen acht Fünftklässler und wir haben eine wunderbare Kunststunde. Auch, wenn wir nicht malen können und jeder einen einzelnen Tisch hat, den er nicht verlassen darf. Auch, wenn die Pausenhöfe ausgestorben wirken, obwohl alle Schüler, die gerade an der Schule sind, Pause haben. Trotzdem! Es macht Spaß. Sechs Stunden hintereinander sind anstrengend. Aber es ist eine gute Anstrengung.

Natürlich mache ich mir weiterhin große Sorgen um meine Gesundheit und ich fahre nach der Schule mit dem mulmigen Gefühl nach Hause, vielleicht den Virus einzuschleppen.

 

Aber es ist besser, als abgeschnitten zu sein von der Welt. Auch den Schülerinnen und Schülern merkt man an, dass ihnen die kleine Dosis Schule sehr gut tut.

 

Inzwischen haben es die Abiturienten und Abiturienten geschafft, sie halten ihre Zeugnisse in der Hand, auch wenn die Abschlussfeiern deutlich kleiner ausfallen mussten und das Ende der Schullaufbahn ganz anders als erwartet verlaufen ist. Und die restlichen Schülerinnen und Schüler stehen kurz vor den Sommerferien. Die beginnen zwar für die verschiedenen Jahrgänge an unterschiedlichen Tagen, aber auf allen Zeugnissen wird in irgendeiner Weise stehen, dass die Schüler das Schuljahr erfolgreich abgeschlossen haben. Zeit für einen Neustart nach den Ferien, wie auch immer der aussehen mag.

 

Ich erinnere mich, wie ich Klara schon vor Wochen geantwortet habe, noch unter dem Eindruck unserer Exkursion ins Haus der Geschichte, als sie sagte „Es fühlt sich an wie das Ende.“. „Denk an die Jugendlichen nach 1918. Oder an die Jugendlichen nach 1945. Die hatten keine funktionierende Infrastruktur, kein Geld, nichts zu essen, vielleicht keine Heimat. Die werden auch gedacht haben, dass es sich anfühlt wie das Ende. Aber 2020 – das ist vielleicht keine gute Zeit. Und möglicherweise geht es danach nicht weiter wie vorher. Aber das ist für euch kein Ende – wenn schon, dann ein Neuanfang.“

 

Patrick Neukäter, Juni 2020
Fotos: Neukäter, Keßeler, Ludwig – Juni 2020